Aus der Vergangenheit gelernt

Veröffentlicht am 11.10.2019 in Gemeinderatsfraktion
 

„Das Boot ist voll!“ Der Satz ist oft zu hören, wenn es um die Frage geht, wie viele Geflüchtete ein Land aufnehmen kann. Die wenigsten wissen, wer ihn geprägt hat: Am 30. August 1942 hielt der Schweizer Bundesrat Eduard von Steiger in Zürich eine Rede, in der er die Schweiz mit einem kleinen Rettungsboot verglich, das bei einer großen Schiffskatastrophe eben nicht alle Ertrinkenden aufnehmen könne, wenn es nicht selber kentern wolle.

Als Mitglied der Regierung war er zu diesem Zeitpunkt bereits sehr genau informiert über die systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden in Deutschland. Doch anstatt zu helfen verschärfte die Schweiz ihre Gesetze: nahezu niemand hatte mehr die Chance, als Flüchtling anerkannt zu werden. Geflüchtete, die den Grenzsoldaten in die Fänge kamen, wurden entweder interniert oder sofort wieder ausgeschafft, was einem Todesurteil gleichkam. Der Bodensee wurde zur tödlichen Falle für viele, die sich ans Schweizer Ufer retten wollten. Selbst unter Wasser wurden Gitter und Zäune installiert.

Heute wird die Schweizer Flüchtlingspolitik jener Jahre allgemein verurteilt. Man weiß, dass das Boot nicht voll war, und man schämt sich ob der sogenannten „Namenlosen“ Vermögen deutscher Juden, die ihr Geld noch in die Schweiz hatten transferieren können, selbst aber nicht gerettet wurden. In der Bodenseeregion wächst das Bewußtsein dafür, dass der See nicht die Grenze, sondern die Brücke zwischen den Staaten ist, die er zusammenhält.

Inzwischen ist das Mittelmeer zum tödlichsten Gewässer der Welt geworden. Von den Menschen, die durch Krieg, Not und Verfolgung in die Flucht getrieben wurden und auf dem Seeweg versuchen, Europa zu erreichen, kommt ein Drittel nicht in einem sicheren Hafen an. Beinahe die Hälfte wird schiffbrüchig; jeder sechste ertrinkt. Es ist daher völlig absurd, zu behaupten, Seenotrettung würde Menschen zusätzlich anlocken, die gefährliche Reise auf sich zu nehmen.

Ich schreibe diese Zeilen am Erntedankfest, um den Abgabetermin für das Amtsblatt einzuhalten. Wenn Sie die Kolumne lesen, hat der Gemeinderat bereits über die Anträge der Fraktion SPD+Linke zur „Böblinger Erklärung“ und zur Seenotrettung entschieden. Noch weiß ich nicht, mit welchem Ergebnis. Die Vorberatungen lassen eine kontroverse Diskussion erwarten. Doch selbst wenn es nicht gelingt, ein deutliches Zeichen der Menschlichkeit zu setzen, werden wir nicht locker lassen. Wir haben aus der Geschichte gelernt und stehen dafür ein, die Fehler von damals nicht zu wiederholen. Zu denen gehört auch der falsche und gefährliche Satz vom angeblich vollen Boot.

Böblingen hat schon so oft bewiesen, wie viel Platz es machen kann für Menschen, die hier Sicherheit und Heimat suchen. Wir werden weiter dafür eintreten, dass genügend Raum für alle ist – die die schon lange da sind und die, die neu dazukommen. Egal, aus welcher Richtung.

Ihre

Gerlinde Feine

Stadträtin Fraktion SPD + Linke

 

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