Gegen das Vergessen - 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges

Veröffentlicht am 07.05.2020 in Allgemein
 

Der SPD Ortsverein Waldenbuch hatte bereits Ende letzten Jahres eine Gedenkveranstaltung zum 8. Mai geplant. Aufgrund der Corona Lage haben wir den Termin abgesagt und bieten nun die  beiden Vorträge der Veranstaltung jeweils als Video an. Weiter unten können Sie die Texte auch nachlesen.

 

 

 

Friedenslinde

Am 8.Mai 1985 pflanzte die SPD Waldenbuch beim Kindergarten Mühlhalde eine Linde im Gedenken an den Tag des Kriegsendes in Europa.

Diese Aktion ist eine unter vielen, die das Engagement der SPD Waldenbuch für die lokale Erinnerungskultur aufzeigen. Konkrete Beispiele dafür sind u.a. auch die alljährliche Veranstaltung zum Volkstrauertag oder die Stolpersteine auf dem Marktplatz, die an das Schicksal einstiger Mitbürger erinnern, die im Zuge der nationalsozialistischen Euthanasie ermordet wurden. Die Friedenslinde ist in dreieinhalb Jahrzehnten zu einem stattlichen Baum herangewachsen und war mehrmals Versammlungsstätte des Erinnerns.

So sollte es auch an diesem 8. Mai sein, um anlässlich von 75 Jahren Frieden innezuhalten. Doch ist aus Gründen der grassierenden Pandemie ein Gedenken, wie es in der gewohnten Form geplant war, nicht möglich. Stattdessen können Interessenten den dafür vorgesehenen Vortrag von Siegfried Schulz in den Stadtnachrichten lesen und ihn auf der SPD-Homepage anhören. Siegfried Schulz ist renommierter Kenner der Waldenbucher Geschichte, viele ihrer Facetten hat er in zahlreichen Veröffentlichungen dargestellt. Er steht hinter vielen historischen Initiativen in unserer Stadt und ist seit Jahren Referent der SPD bei geschichtlichen Anlässen.

Wer sich mit den Ereignissen vor über achtzig Jahren befasst, und die SPD tut dies aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit, gehörte sie doch zu den ersten Opfern des NS-Regimes, dem mag aus heutiger Sicht unbegreiflich erscheinen, was in deutschem Namen geschehen ist und welches Leid anderen Völkern, aber auch dem eigenen Volk von den Nationalsozialisten zugefügt wurde. Und zu dem Unbegreiflichen gehört auch, dass in unserem Land diese unmenschliche Ideologie noch immer einen Nährboden findet.

Der 8.Mai gilt auch hierzulande heute als Tag der Befreiung, nicht mehr als Tag der schmachvollen Niederlage. Das hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten gewandelt. Er ist ein Tag, der zum Frieden mahnt. Die Friedenslinde steht beim Kindergarten Mühlhalde als ein Zeichen friedlichen Miteinanders. Menschen jeglichen Alters gehen täglich an ihr vorbei. „Unter den Linden“, an der Dorflinde zumal trafen sich einst die Menschen und fanden gemeinschaftlich zusammen. Eine kleine Tafel erklärt, warum die Friedenslinde dort beheimatet ist. Sie hätte kein besseres Zuhause finden können, und sie erfreut sich gewiss in normalen Zeiten, wenn sie hinhört und hinüberschaut, an der Lebensfülle unserer Kleinsten. Als Erwin Ruck, damals SPD-Vorsitzender sowie  Gemeinde- und Kreisrat, das Bäumchen in die Erde setzte, betonte er die Symbolik des Platzes:

„Die Linde steht hier, wo die Jugend auf ihren Weg in die Gemeinschaft vorbereitet wird, ein wahrhaft geeigneter Standort zum Gedenken und Bedenken.“

Harald Jordan

 

Zeitenwende

Gedanken zur 75sten Wiederkehr des Kriegsendes am 8. Mai 1945

Der 8. Mai 1945 war auch in Waldenbuch ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel prangte blau, das Grün sprosste, die Vögel sangen. Nur die Gassen der Stadt waren bemerkenswert still und menschenleer. So wie wir es jetzt in Corona-Krisenzeiten wieder erleben.

Davor, vor dem 8. Mai 1945, war es hektisch zugegangen. Da waren noch alte Männer als Volkssturm auf Adolf Hitler öffentlich vereidigt und dann Richtung Dettenhausen geschickt worden, um dort den Endsieg gegen die anrückende französische Armee zu erringen.

Davor waren noch ein paar Halbwüchsige mit einem Handkarren voller Akten aus dem Rathaus ins Bonholz geschickt worden, wo sie unter Aufsicht des Feldschützen Schmied belastendes Material verbrennen mussten. Dummerweise waren in der Aufregung drei Listen mit den Namen von Waldenbuchern übersehen worden, Listen, die ihre Zugehörigkeit zur NSDAP und ihren Gruppierungen aufzählten, einmal 144 Personen, das andere Mal 153 und zur NSDAP gehörten nach  der dritten Liste 454 Personen.

Waldenbucher SA-Trupp in der Echterdinger Straße

 

Davor war Pfarrer Pfäfflin mit seinem kleinsten Sohn an der Hand zu den Volkssturmmännern und dem jungen Leutnant hinausgegangen und hatte sie davon überzeugt, dass jeder Widerstand gegen die heranrückenden Franzosen die Beschießung und Zerstörung Waldenbuchs bedeuten würde. Sie sollten besser nach Hause gehen. Sie gingen.

Später waren Landjäger Klink, Paul Stäbler und Schneider Ebinger den Franzosen mit einer weißen Fahne entgegengegangen.

Vor dem 8. Mai 1945 hatte Waldenbuch eine der schlimmsten Seiten des Krieges erleben müssen: Gewalt, Plünderungen, Schändungen. Das war am 20. April und den folgenden Tagen gewesen und blieb tief im Gedächtnis der Stadt haften. Pfarrer Pfäfflin und Fuhrmann Necker brachten vergewaltigte Frauen nach Tübingen in die Frauenklinik. Auch das geschah unter Lebensgefahr. Davor, kurz vor dem 8. Mai 1945, flohen einzelne versprengte deutsche Soldaten links und rechts an den Berghängen des Aichtals Richtung Nürtingen. Rette sich, wer kann…

Nach alldem und vielen anderen Schrecken hatte der 8. Mai 1945 doch auch dies gebracht: Das große Aufatmen; endlich keine Angst mehr haben zu müssen, nicht vor den äußeren und nicht vor den inneren Feinden. Nicht vor den Fliegerbomben und nicht vor uneinsichtigen Nazis.

Und danach? Nach dem 8. Mai gab es in Waldenbuch keine NSDAP-Mitglieder mehr. Im schlimmsten Fall war man Mitläufer gewesen und auch das nur gezwungenermaßen. Deshalb wurde Pfarrer Pfäfflin um entsprechende Zeugnisse angegangen: Man habe „das ewige Reich immer mehr ersehnt als das tausendjährige Reich“ der Nazis. Das war überall in Deutschland so oder so ähnlich.

Nach dem 8. Mai war man vor allem Opfer. Und das stimmte ja auch: Opfer des Bombenkrieges, Oper der Gewalt der Sieger, Opfer der vielen Kriegseinschränkungen. Fast jede Familie hatte Angehörige verloren. Auch in Waldenbuch. Männer waren gefallen, verwundet, verstümmelt, in Gefangenschaft.

An die eigene Verantwortung, die eigene Beteiligung, eignes Mitwirken war nicht zu denken; an einstiges Wahlverhalten, gar an Schuld konnte niemand denken. Das wäre vielleicht auch eine zu schwere zusätzliche Last gewesen.

Dann kamen die Flüchtlinge – zu Hunderten in das damals noch viel kleinere Waldenbuch.  Flüchtlinge waren damals so wenig willkommen wie heute.

Erst viel später nahm man das Ausmaß der Verbrechen wahr, die millionenfache Tötung von Juden, Roma, Behinderten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas.

Erst viele Jahre später begann man darüber nachzudenken, ob der 8. Mai 1945 vor allem Niederlage gewesen war oder doch viel eher Befreiung. Manche haben sich bis heute noch nicht entscheiden können.

Eine Waldenbucherin erzählte mir in diesen Tagen von einem französischen Soldat, der damals, am 20. April 1945 oder einem der Tage danach, in der elterlichen Wohnstube stand und die beiden Bilder ihrer gefallenen Brüder an der Wand sah, wie der Franzose vor den Uniformierten wie andächtig sein Käppi abnahm und fragte: „Für was und zu was haben wir geblutet?“ Was für ein bemerkenswertes Wir.

Für die meisten unter uns ist der 8.Mai 1945 so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg, schlicht ferne Vergangenheit. Dennoch bleibt dieses Datum auch nach 75 Jahren Mahnung: Ob Corona-Pandemie, ob Klimaveränderung, ob Armut und soziale Frage, ob Flüchtlingsfrage – deine (Wahl-)Entscheidungen bleiben nicht folgenlos. Du trägst Verantwortung. Der 8. Mai 1945 ist nach wie vor kein belangloses Datum.

Siegfried Schulz

 

 

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