Rede von Elaine Rauhöft zur Verabschiedung aus dem Gemeinderat

Veröffentlicht am 30.07.2019 in Gemeinderatsfraktion
 

Die neue Gemeinderatsfraktion der SPD in Waldenbuch besteht nur noch aus 3 Mitgliedern:

Ingrid Münnig-Gaedke, Walter Keck und Ferdinando Puccinelli

Sie werden weiterhin die Interessen der Bürgerinnen und Bürger Waldenbuchs vertreten und sich insbesondere für soziale  Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen!

Zehn Jahre sind vergangen, seit mich ein SPD-Kollege zu Hause anrief, um mich zu meiner Wahl als Stadträtin zu beglückwünschen. Ich dankte ihm und legte dann den Hörer auf, setzte mich auf meinen Stuhl und weinte. Das hätte nicht passieren sollen.

Für diesen verantwortungsvollen Job war ich nicht gemacht. Ich bin eher jemand in der Menge, der am Rande steht und unzufrieden drauflosschimpft. Ich war nicht dazu bestimmt, einer von denen zu werden, die beschimpft werden.

 

Ich bin jemand, der Ideen hat, diese aber lieber zur Ausführung an andere weitergibt, die mehr Mut haben. Trotz meiner großen Klappe und meinem seltsamen Sinn für Humor bin ich eher ein Anhänger als ein Anführer.

Ich komme aus Blackpool, dem Las Vegas der britischen Inseln. Ein riesiger Rummelplatz mit blinkenden Lichtern, albernen Hüten und zahlreichen Achterbahnen.

Ich bin an das Auf und Ab und die Verschlingungen des Lebens gewöhnt.

In den Gemeinderat gewählt zu werden und das Vertrauen der Bürger von Waldenbuch zu genießen, wurde schließlich ein Plus, aber es gab auch einige Minuspunkte.

Die Tatsache, dass ich jetzt meinen Sitz verloren habe, gehört zum Auf und Ab.

Die Tatsache, dass die SPD nun zwei Sitze verloren hat, ist ein deutliches "Ab" und ich bitte meine Fraktionskollegen inständig um Entschuldigung. Tut mir leid, Leute.

So ist das Leben - du gewinnst etwas, du verlierst etwas.

 

Das ist das Risiko, das Sie eingehen, wenn Sie Mitglied einer politischen Partei sind.

Die Farbe Ihres Hutes macht deutlich, wo Ihre politischen Loyalitäten liegen. Es wurde oft behauptet, dass wir als SPD- oder CDU-Lokalpolitiker nicht frei sind, dass wir an die Parteirichtlinien gebunden sind und dass dies unsere Einstellung und unsere Entscheidungen beeinflusst.

 

Das habe ich in 10 Jahren auf diesen nicht sehr bequemen Stühlen gelernt: Kein Gemeinderat ist frei, egal welcher Fraktion. Wir sind alle durch die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen, die uns gewählt haben, und nicht zuletzt auch durch den Geldbetrag in den Stadtkassen am Boden der Realität verankert. Es steht uns jedoch frei, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die Stadt und die Menschen in ihr nach unserem Gewissen zu vertreten.

 

Als ich vor 10 Jahren in meiner allerersten VA-Sitzung geschockt war, weil die Zehntscheuer auf der historischen Stadtrundgangstafel fehlte, sprach ich Frau Schweickart wegen meiner Besorgnis an.

So erhielt das möglicherweise älteste Gebäude in Waldenbuch seinen Platz auf der Tafel, wo es jetzt bewundert und besichtigt werden kann und die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.

Aber Walter Steinmeier hat mich am nächsten Tag nicht angerufen und für diesen weltpolitisch bedeutsamen Schachzug "Daumen hoch" signalisiert.

 

Als die SPD-Fraktion einen Antrag an die Stadt richtete, Pausenräume für das gesamte Kindergartenpersonal zur Verfügung zu stellen und als wir die einzigen waren, die für die städtischen Angestellten die 39-Stunden-Woche forderten, haben wir nicht zuerst Andrea Nahles konsultiert. Auch nicht, als es um den Standort des neuen Kindergartens ging, den allein die SPD-Fraktion - schon von Anfang an - in der Eugen-Bolz-Straße haben wollte. Wir haben diese Dinge in Angriff genommen, weil sie die richtigen waren, egal ob auf der Basis von Rot, Schwarz, Grün oder Gelb.

 

Nicht immer habe ich in den Sitzungen alles mitbekommen, was vor sich ging. Aber ich bin mir sicher, dass ich da nicht die einzige bin. Ich habe in den Sitzungen nicht immer viel gesagt, aber auch hier bin ich nicht die einzige. Aber ich denke gerne, dass ich zu den Erfolgen beigetragen habe, indem ich bei unseren Fraktionssitzungen mein Bestes gegeben habe.

 

Nach den Sitzungen habe ich immer viele Themen aus dem Sitzungssaal mit nach Hause genommen.

Ich fand es oft sehr schwierig, mein Gehirn nach über 3 Stunden intensiver Diskussion wieder auszuschalten, und ich bin voller Bewunderung gegenüber meinen Fraktionskollegen, den gegenwärtigen und den früheren, aber auch gegenüber Kollegen aus anderen Fraktionen, die es meist geschafft haben, den Kopf klar zu halten und das Verfahren zu verfolgen, egal wie spät es war oder wie kompliziert es war, Fragen zu formulieren und wertvolle Zweifel zu äußern. Ich ziehe den Hut vor euch allen.

 

Jedoch war ich ziemlich oft bestürzt über den Ton der Respektlosigkeit und die Art und Weise, wie Teile des Gemeinderats vom Vorsitzenden eher als Feind denn als Verbündeter empfunden wurde. Ich dachte immer, die gemeinsamen Interessen der Stadt wären eine Herzensangelegenheit für uns alle, und dies wäre der übergeordnete Grund, warum wir hier sind - und nicht der, dass wir es der Stadtverwaltung schwerer als nötig machen.

Ein bisschen mehr Freundlichkeit und Toleranz im Gemeinderat, das wäre für die nächsten 5 Jahre eine feine Sache. Wir alle haben ein Leben außerhalb des oft heißen und stickigen Sitzungssaals.

und in unserem Alltag sind uns diese Werte ja ebenfalls wichtig.

 

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich immer befürchtete, der Brexit würde mich meinen Platz im Gemeinderat kosten. Deshalb bin ich deutsch geworden. Aber als ich deutsch wurde, verlor ich meinen Sitz, und der Brexit hat bisher noch nicht einmal stattgefunden.

 

Eine andere Sache ist ebenfalls eine Ironie.

Wahrscheinlich bin ich, mit wenigen Ausnahmen, die grünste Person in diesem Raum.

Ich bin noch nie mit dem Flugzeug geflogen.

Ich kümmere mich so sehr um das Wohlergehen dieses Planeten und der darauf lebenden Kreaturen, dass ich bei meiner Ernährung auf alle tierischen Produkte verzichte.

Aber meinen Sitz habe ich an die Grünen verloren. So ist das Leben.

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Mitarbeitern der Stadtverwaltung bedanken, von denen manche regelmäßig an diesen Sitzungen teilnehmen, für ihr Wissen, ihren Einsatz und ihre Geduld.

Ebenso bei den Gemeinderäten aller Fraktionen, die mir in diesen 10 Jahren zu einem interessanten Einblick in die Arbeitsweise anderer Parteien verholfen haben.

Und natürlich bei meinen lieben, lieben SPD-Fraktionskollegen - den früheren und gegenwärtigen - die immer auch meine Freunde waren (definitiv einer der Pluspunkte, wenn man nicht frei ist!) und die jetzt wie Familienmitglieder für mich sind.

Entschuldigung, ich war nicht gut genug.

Und an alle, die auf ihren Stimmzetteln für mich und die SPD gestimmt haben: Es tut mir Leid, dass ich Sie diesmal im Stich gelassen habe.

Ich war sehr stolz darauf, der erste Nicht-Deutsche zu sein, der einen dieser 18 Sitze innehatte.

Und es sagt alles über Waldenbuch und seine Bürger aus, dass sie bereit waren, ein Risiko für mich einzugehen, für eine verrückte huttragende Linke aus dem Land des Rinderwahnsinns.

 

Ich habe genug gesprochen. Elaine geht - es ist sozusagen ein El-exit.

Und, um es mit den unsterblichen Worten von Theresa May zu sagen, die ebenfalls ihren Job verloren hat:

 Elexit heißt Elexit.

Danke

Elaine Rauhöft

 

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