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SPD im Kreis Böblingen

Lust, Leidenschaft und eine Portion Frustrationstoleranz

Veröffentlicht am 07.12.2013 in Presseecho

Ein Portrait über Günter Achilles im Gäuboten vom 07.12.2013

Herrenberg: Günter Achilles, der älteste und dienstälteste Gemeinderat, will im Mai nochmals zur Kommunalwahl antreten

Seine eigene Meinung vertreten und für eine Sache streiten - das zählt für Günter Achilles, als Stadtrat oder auch im Verhältnis zu seiner Partei, der SPD GB-Foto: Holom

Flagge zeigen. Dafür steht Günter Achilles, wann immer er es für nötig hält.

Zurzeit wehen vom Fahnenmast vor seinem Haus die Farben der Azoren. Zusammen mit Ehefrau Elisabeth Zwanger-Achilles war er auf dem Archipel im Atlantik. "Wir sind Inselfans", bekennt er. Die Urlaubsziele des Ehepaars lassen sich dann alsbald an der Fahne im Meisenweg ablesen. An die 150 Nationale besitzt Achilles mittlerweile, die meisten hat er vor Ort selbst beschafft. Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel das US-Banner, das in seinem Fundus schlummert. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war Achilles noch nie und eine passende Gelegenheit hat er bis jetzt auch nicht gefunden, um die "Stars and Stripes" zu hissen. So spontan fällt ihm nichts ein, was der atlantische Partner genau leisten müsste, damit ihm diese Ehre zuteilwird. Es müsste vermutlich etwas sein vom Rang der Abschaffung der Sklaverei oder der Schließung des Straflagers in Guantanamo. Die Kriterien sind da hart, denn Günter Achilles ist vor allem eines: ein kritischer Kopf mit SPD-Parteibuch.

Flagge zeigen, dafür steht Achilles natürlich auch im Herrenberger Gemeinderat. Keiner der amtierenden Räte gehört der Runde länger an als er, seit 1980 mischt er in der kommunalen Politik ununterbrochen mit. Dabei sind neben diesen knappen 34 Jahren noch mal an die sechs hinzuzurechnen. Vor der Herrenberger Zeit war Achilles zwischen 1968 und 1975 schon Mitglied im Gemeinderat der Stadt Nagold. Ebenfalls für die SPD, das ist klar. In Herrenberg hat er bei den Wahlen immer Spitzenergebnisse eingefahren, bestenfalls der langjährige und inzwischen verstorbene SPD-Fraktionsvorsitzende Paul Binder schnitt besser ab als er. Anzunehmen ist, dass die Wählerschaft vor allem an Achilles schätzt, dass er nicht um den heißen Brei herumredet. Zumindest wenn es darauf ankommt. "Ich habe selbst oft genervt", räumt er mit verschmitztem Mienenspiel ein. Seine beißenden Kommentare blitzen immer dann auf, wenn ihm etwas richtig gegen den Strich geht. Wie in der Debatte um die Umbenennung der Hindenburgstraße.

Welche Eigenschaften ein Gemeinderat unbedingt haben muss? Günter Achilles überlegt nicht lange. "Lust, Leidenschaft und eine gewisse Frustrationstoleranz". Wichtig für das Ratskollegium seien außerdem Qualität und Kontinuität, auch Erfahrungswissen. Vorzüge solcher Art bescheinigt er dem amtierenden Gremium, aber auch den Kommunalparlamenten früherer Jahre. Bei allem Diskurs in vielen Sachfragen, wenn es sein müsse, stehe der Gemeinderat zu seiner Pflicht, als Hauptorgan der Stadt die Leitlinien zu bestimmen und im Zweifel die Kontrolle über die Verwaltung auszuüben. Bester Beleg dafür sei zuletzt das eindeutige Signal gewesen, das der Gemeinderat einhellig in der Causa Gravert gegeben habe - dem OB und dem Baubürgermeister gegenüber, der wegen einer privaten Baustreitigkeit vor Gericht gelandet war.

Mit seinen 76 Lebensjahren, die bei all der Umtriebigkeit und heiteren Erzählfreude nicht zu spüren sind, bringt Günter Achilles einen reichen Erfahrungsschatz mit ins Amt. Seine Biografie ist spannend, gerade auch der Brüche wegen, die letztlich den Charakter formen. Am 10. März 1937 kommt er als eines von vier Kindern in Braunschweig zur Welt, der Vater ist Kunstschreiner und Kassier im SPD-Ortsverein. Als Kind erlebt Achilles den Bombenhagel im Luftschutzkeller und die Tage in Sicherheit auf einem Hofgut. Acht Jahre Volksschule nur springen für ihn heraus, dieses Manko nährt den Bildungshunger, der ihn immer wieder zu Neuem antreibt. In einem Kleinbetrieb lernt er Maler, für die Bewerbung beim Bundesgrenzschutz (BGS) muss der Vater noch unterschreiben. 1955 beginnt er die Grundausbildung in Dedelstorf nahe der Zonengrenze, geht zu den Pionieren nach Hamburg-Harburg, tritt 1956 in die neu gegründete Bundeswehr ein und wird ein Jahr später Mitglied der SPD.

Mit dem Wechsel zu den Fallschirmspringern verschlägt es Günter Achilles nach München. Von 1960 bis 1970 ist er auf dem Nagolder Eisberg im Fallschirmjägerbataillon 252 stationiert. Als Soldat muss er dort zum Zahnarzt, der zufällig Theo Schäffer heißt und im Ehrenamt die SPD-Fraktion in Nagold führt. "Der hat mich nicht gefragt," erinnert sich Achilles, "der hat mich zur Kandidatur verpflichtet." Mit 31 Jahren, als absolut jüngster Gemeinderat und für ihn selbst völlig überraschend, zieht Achilles ins Nagolder Stadtparlament ein. Auch beruflich orientiert er sich neu, macht in Weingarten und Karlsruhe die Fachschulausbildung, um noch als Soldat 1969 das Studium für Sozialarbeit auf der Fachhochschule in Stuttgart zu beginnen. "Ohne die Unterstützung der Bundeswehr hätte ich mir das als Vater von drei Kindern sonst gar nicht leisten können."

Der Weg zurück in den Schwarzwald ist Achilles 1973 nach dem Studium verbaut. Weil er sich während der Kommunalreform für die Eingliederung von Nagold in den Mittleren Neckarraum öffentlich starkgemacht hat, gilt Achilles im Calwer Landratsamt als unerwünschte Person. So startet er die Karriere im Zivilberuf in Böblingen. Jugendamt, Familienfürsorge, Behinderten-Berater und die Leitung der Betreuungsbehörde sind bis zur Zurruhesetzung 2002 die Stationen im Landratsamt, wo er auch seine zweite Ehefrau Elisabeth kennenlernt. Seit 1977 wohnt Achilles in Herrenberg. Ein günstiges Reihenhäusle im Ziegelfeld gab den Ausschlag.

Günter Achilles eilt der Ruf voraus, sich eine eigene Meinung zu leisten. "Bei der SPD gelte ich als konservativ, bei den Kameraden der Bundeswehr als Linker." In solche Kategorien will er sich nur ungern pressen lassen. Auch nicht in der
Ratsfraktion, die allen Mitgliedern immer die Freiheit auf eine abweichende Meinung lasse. "Einen Zwang habe ich da nie verspürt." Das Verhältnis zur SPD stuft Achilles als durchaus zwiespältig ein. "Parteien", findet er, "sind keine Vergnügungsvereine." So hat er im Zorn über die einstige SPD-Bundestagsabgeordnete Doris Odenthal mal eine ganze Zeit lang die Mitgliedschaft in der SPD ruhen lassen. Der älteste Sohn, selbst SPD-Gemeinderat in Markdorf, hat ihn schließlich zum Wiedereintritt bewogen. Auch das ist eine Episode im Leben von Günter Achilles, über die er heute milde lächelt. Es war halt so, so ist er halt. Ein bisschen unbeugsam und ziemlich konsequent.

"Viel gelaufen", sagt er mit Stolz, sei in den vergangenen Jahrzehnten in der Herrenberger Stadtpolitik. Froh ist er darüber, dass die Blockbildung - hier CDU und Freie Wähler, da SPD und Grüne - im Gemeinderat lange schon überwunden ist. "Das war damals lähmend", schaut er zurück. Den drei Oberbürgermeistern, die Günter Achilles in Herrenberg erlebt hat, bescheinigt er durchweg Qualitäten. Allerdings ganz unterschiedliche. Heinz Schroth? "Er war ein Bürgermeister alter Schule, den ich geschätzt habe." Dr. Volker Gantner? "Er hatte eine Super-Periode, eine glasklare Linie, war zielstrebig, absolut korrekt, aber eher bürokratisch." Und Thomas Sprißler, der Amtsinhaber? "Er ist im Umgang sehr angenehm, kann auch mal nachgeben, aber die ganz große Linie fehlt noch."

Wenn Günter Achilles im Rückblick etwas schmerzt, dann fällt ihm sofort die verpasste Sanierung des Fruchtkastens ein, für die Volker Gantner schon Millionen-Zuschüsse beim Land losgeeist hatte, CDU und Freie Wähler ihm aber die Gefolgschaft versagten. Ansonsten entscheidet der dienstälteste Stadtrat jedoch selbst ganz gerne nach dem Motto: "Lieber mal warten, dann aber richtig gut machen."

Niemand könnte Günter Achilles verübeln, wenn er sich nach so langer Zeit in der kommunalen Politik aufs Altenteil zurückzöge und sich nur noch den Inseln, den Fahnen, seiner Gedichtsammlung, dem Wandern oder der Sprechstunde des VdK, die er in Herrenberg anbietet, widmen würde. Genau das wird nun nicht eintreten. Mit bald 77 Jahren will der Sozialdemokrat, schon jetzt ältester Stadtrat, im kommenden Mai nochmals kandidieren. "Man hat mich gefragt, ich habe zugesagt, das ist einfach meine Natur - und warum sollten die nicht mit einem Senior klarkommen?"

Eine neue Rolle für sich entdeckt hat der einst so scharfzüngige Sozialdemokrat schon. "Die harten Auseinandersetzungen", meint er, "will ich heute nicht mehr." Günter Achilles - der Alterspräsident, gelegentliche Rückfälle nicht ausgeschlossen. HARALD MARQUARDT

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